Im Prinzip war es ein ganz schöner Samstag zum Segeln auf dem Scharmützelsee, das Wasser war von einem sonnigen Sommer gut gewärmt, es wehte eine nette Briese. Allerdings gab es einige dunkle Wolken am Himmel, deshalb haben wir uns gegen unsere Gewohnheit die Trockenanzüge angezogen und sogar Schwimmwesten angelegt. Üblicherweise segeln wir mit unserer 470er Jolle von unserem Club in Diensdorf zur Promenade nach Bad Saarow, wo schon ein leckerer Cappuccino und ein großer Eisbecher auf uns wartet.
Dort auf der Promenade sitzend irritierten uns allerdings die dunklen Wolken, die von den Rauener Bergen kommend über den See zogen, außerdem waren im Wetterbericht tatsächlich für den Nachmittag mögliche Gewitter in unserem Gebiet vorhergesagt. Nachdem wir das Eis gegessen hatten, erspähte meine Vorschoterin Christine eine Wolkenlücke, sodass wir meinten, die Rückfahrt antreten zu können, auch wieder mit Schwimmweste und Trockenanzug, außergewöhnlich, aber es schien heute irgendwie angemessen.
Wir waren unter Fock und Großsegel erst kurz unterwegs, als uns doch schon die nächste dunkle Wolke eingeholt hatte, die auch Geräusche zu machen schien, was meine Vorschoterin ein wenig nervös machte und sie zu dem Vorschlag veranlasste, ob wir nicht vielleicht lieber an Land gehen sollten, wir passierten gerade ein Freibad am Ufer. Ich bin es nicht gewohnt, irgendwo an Land zu gehen. Der größte Teil des Ufers ist Schilf und im Freibad sind diese gelben Tonnen, die das Einfahren verbieten; das gilt natürlich nicht im Notfall, aber lag denn hier schon ein Notfall vor ? Mein Schiffchen, die Yaprak, ist über 30 Jahre alt, wir hatten keinen Anker dabei und mir kam in den Sinn, dass sie bei einem Unwetter auf dem Strand liegend, beschädigt werden könnte. Und die Vorstellung, dass wir einfach so auf dem Strand (unter Bäumen!) das Gewitter abwarten sollten, war mir auch nicht angenehm. Also entschloss ich mich, weiter zu segeln.
Meine Vorschoterin war nicht sehr begeistert, fügte sich aber der Anweisung. Ich habe ihr quasi zur Belohnung angeboten, sie könne ja das Vorsegel mal runternehmen, habe dabei von der Böenwalze oder so geredet. Mein Fockfall läuft nicht besonders gut, deshalb dachte ich, ziemlich umsichtig zu sein, das Segel jetzt schon zu bergen, allerdings war es kaum unten, als die ersten heftigen Böen von achtern kamen. Wir waren jetzt an einer Kante vorbei auf den See hinaus gefahren, wo ich plötzlich feststellte, dass weit und breit keine anderen Boote mehr zu sehen waren ? Das Vorsegel war geborgen, das Schwert aufgeholt, ein heftiger Wind kam von achtern, das Boot luvte in Böen stark an, war dann kaum zu halten, glitt aber sonst so schnell über den See wie noch nie, eigentlich ein tolles Gefühl, aber die Licht- und Geräuscherscheinungen ließen die dunkle Wolkenwand hinter uns unzweifelhaft ein ausgewachsenes Gewitter sein.
Auf dem Scharmützelsee gibt es einen Personenverkehr, von den Schiffen war eins voraus in der Regenwand zu erkennen als einziges außer uns auf dem See, eigentlich hätte es unseren Kurs flott kreuzen müssen, aber es schien still zu stehen, fast als ob er in Sorge auf uns warten würde ?
Jetzt gingen mir einige Fragen durch den Kopf: z.B. was ich wohl machen würde, wenn wir kentern und ob Christine dann wohl in Panik geriete, ob sie dann wohl meinen Anordnungen folgen würde. Glücklicherweise schafften wir es aber doch ohne größere Blessuren bis zur Hafeneinfahrt, wo der Wind ein wenig nachließ, dafür aber Hagel einsetzte, außerdem gab es keinen zeitlichen Abstand mehr zwischen Blitz und Donner ! Es war möglich, einen Aufschiesser zu fahren und das Groß zu bergen. Irgendwie waren wir beide nass wie begossene Pudel, aber ganz froh, wieder an Land zu sein. Dort gibt es eine metallene Spundwand, auf die bin ich hochgeklettert und habe unsere kleine Yacht erst mal mit Vor- und Achterleine festgehalten, während meine frierende Vorschoterin versucht hat, sich irgendwas warmes zum Anziehen zu besorgen.
Sie fand fast den ganzen Yachtverein in der Mensa versammelt, wo man ihr versicherte, wir seien nicht alleine auf dem See gewesen, sondern alle seien gespannt bei uns gewesen, und das Bild unseres kleinen verlorenen Schiffchens vor der schwarzen Wand sei phantastisch gewesen.
Seit dem Tag beschäftigen mich einige Fragen, an denen ich Sie hier teilhaben lassen möchte:
Im Rahmen meiner Recherchen zu den Fragen des Blitzeinschlags beim Segeln habe ich eine Regel gelernt: Man wird häufiger vom Hai gebissen als vom Blitz getroffen. Aber was bedeutet das für das Segeln auf dem Scharmützelsee ?
Gefahr von Wind und Welle
Die Welle ist auf dem kleinen See nie besonders hoch, aber der achterliche Wind war kräftig, mindestens 6, gefühlsmäßig - vom Amateur geschätzt - bis 8 und v.a. ruppige Böen mit Richtungsänderungen. Halsen hätte ich nicht gerne gewollt und insbesondere für meine Vorschoterin hätte ich nicht gerne patentgehalst, obwohl ich sie schon auf den Schwertkasten beordert hatte, und gebeten hatte, den Kopf runter zunehmen, was sie erstaunlicherweise auch ganz freiwillig mitgemacht hat.
Wir sind beide ganz passable Schwimmer und das Wasser war warm wie gesagt, bei schönem Wetter würden wir den See auch schwimmend überqueren, aber heute war es nicht schön und wir hatten keine rechte Lust, zu schwimmen.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier einige gesammelte Ratschläge aus dem weltweiten Gewebe:
- Der Blitz schlägt nur in Yachten ein, die näher als 10 sm zum Land sind.
- Am sichersten ist es unter Deck in der Kajüte.
- Aussenboards ist es am gefährlichsten und Salzwasser ist der sichere Tod.
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Yachten schützt man mit einer Art Blitzableiter, indem man eine Ankerkette an der Drahttakelage befestigt und aussenboards ins Wasser hängt.
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Schwimmer verlassen sofort das Wasser, weil das Wasser gefährlicher ist als der Aufenthalt an Land (oder an Bord).
Sehr spannend sind Erlebnisberichte von Yachtseglern, dass es eine große Gefahr gäbe, dass Blitze in die Bordelektronik einschlagen, diese ausser Betrieb setzen und womöglich noch durch den Geber des Sumlogs unter der Wasserlinie wieder austreten, wodurch die Yacht möglicherweise sinken könnte. Andererseits erholen sich die Geräte oft auch wieder und sind später wieder fehlerlos benutzbar !?
Das ist m.E. die spannendste Faktensammlung zu Blitzgefahren, die ich finden konnte, eine ziemlich komplette Sammlung von Blitzunfällen mit Menschen in Florida, dem Staat in dem angeblich weltweit die meisten Gewitter stattfinden.
Hier gibt es seit den 50er Jahren wohl insgesamt einige tausend Blitzunfälle. Tödlich sind einige gewesen, die Angler betreffen, die in Eisenkähnen sitzend ihre Angel im Gewitter weiter ausgelegt lassen und auch noch festhalten.
Es sind aber auch eine handvoll Unfälle beschrieben, die Segler betreffen: wenn ich das richtig verstanden habe, fast ausschließlich in solchen Situationen, in denen die Segler Schutz an Land suchen wollten und sozusagen gerade bim Aussteigen waren: noch eine Hand in der Takelage und schon ein Fuß im Wasser.
Ich schlussfolgere daraus, dass die gefährlichste Situation an dem Nachmittag wahrscheinlich die gewesen ist, als ich auf der Spundwand an Land stehend unmittelbar unter dem Gewitter meine Jolle noch an den Leinen im Wasser gehalten habe.
Um die Sache aber mal systematisch an zu gehen, wollte ich gerne folgende Fragen beantworten:
- Ist es an Bord eines Segelschiffes gefährlich im Gewitter
- Gibt es Unterschiede zwischen Jachten und Jollen
- Ist es im Wasser schwimmend gefährlich
- Unterschied zwischen Salz- und Süsswasser
- Ist es im Wasser gefährlicher als an Land
Ich habe eine Versicherungsgesellschaft angerufen und gefragt, ob man mir die Gefahr für ein Segelschiff benennen könnte, konnte man aber nicht. Die Versicherung gegen Blitzschlag ist aber enthalten.
Dazu fällt mir ein, am besten für die Versicherung wäre es doch, wenn es gar keine Blitzschäden gäbe und die Leute trotzdem eine Versicherung abschließen würden.
Ich habe hier in den Brandenburgischen Dörfern die Beobachtung gemacht, dass auf den Scheunen oft gar keine Blitzableiter sind, aber trotzdem fast an jedem Haus ein Blechschild hängt, welches auf die abgeschlossene Feuerversicherung hinweist.
Ich stelle nur mal eine Frage, die Antwort weiß ich nicht: wenn man mal annimmt, dass der normale Segler vielleicht an 12 Wochenenden im Jahr auf seiner Jacht ist, dann sind das vielleicht 24 Tage im Jahr, die er auf sein blitzgefährdetes Boot aufpasst und z.B. den Blitzableiter aussenboards beim Gewitter anbringen kann oder ein durchgeschmortes Sumlog notdürftig abdichten kann. Die anderen 341 Tage im Jahr liegt die Yacht still und verlassen im Hafen: warum sieht man dann nach einem normalen Sommergewitter nicht in jeder Marina ein paar abgesoffene oder mindestens ein bisschen brennende Yachten ?
Wer es ein bisschen präziser haben möchte, findet eine sehr informative website bei www.bluewater.de. Da werden die Gewittergefahren doch etwas größer gesehen, zumindest in Gewittergegenden wie der Karibik. In Europa gäbe es aber überwiegend nur Gewitterchen.
Ich habe bei einem Hersteller von 470er Ausrüstung nachgefragt, ob es bei ihnen irgendwelche Vorrichtungen gäbe, eine solche Jolle vor Blitzschlag zu sichern: gibt es nicht; ob sie von Blitzunfällen gehört hätten: haben sie nicht; ob sie schon mal irgendwelche Ersatzteile für solche Unfällen verkauft hätten: Elektrounfälle ja, Blitz nein; Elektrounfälle kommen dann zustande, wenn man einen Mast an Land setzt und nicht beachtet, dass eine Stromleitung über den Liegeplatz führt.
Ich erinnere mich an meine Lektüre von K. Adlard Coles, Schwerwettersegeln, da wird aber nur über die Gefahr von Wind und Welle geschrieben, kein Wort über Blitzgefahren, auch nicht in dem einzigen Kapitel über einen Gewittersturm.
Immerhin, die o.g. www.bluewater.de zitiert: „Schon die englische Marine gab in einer Statistik von 1795 bis 1815 150 Einschläge auf Schiffen mit Folgen, davon jeder achte mit Feuerausbruch an, wobei 70 Seeleute umkamen. Und nach neuen amerikanischen Statistiken kommen jährlich im Mittel 95 Menschen durch Blitzschlag ums Leben, davon 13 Prozent in offenen Sportbooten. Bei den gemeldeten Schäden durch Blitzeinschlag waren in Salzwasser ca.10 Prozent und im Süßwasser ca. 30 Prozent mit Löchern im Rumpf, die größer als 6 mm waren.“
Es sieht so aus, als ob Blitzeinschlag auf Segelschiffen kein sehr vordringliches Problem ist, es sei denn man wollte die vielen ungeklärten Schiffsverluste im Bermudadreieck mit der Häufigkeit der dortigen Gewitter in Beziehung setzen. Damit sind nicht nur die Schäden an den Schiffen jeder Größe gemeint, sondern auch die wahrscheinlich eher nicht vorhandene Gefahr für die an Board befindlichen Menschen.
Übrigens, dass eine Kajüte aus Holz oder Kunststoff ein Faradayscher Käfig sei, halte ich für ein Gerücht; was ich aber als Rat nachvollziehen kann, ist, dass man nicht die Arme ausbreiten und sich dabei an zwei verschieden Metallwanten festhalten sollte.
Todesursachenstatistik, Deutschland oder anderswo
Man müsste auch noch nach Statistiken in der Rechtsmedizin forschen: ob es in Deutschland Tote durch Blitzschlag im Wasser gibt? Ich nehme an, es wird nicht sehr ergiebig. Wahrscheinlich weil niemand so verrückt ist, im Gewitter zu schwimmen.
Statt dessen habe ich einige Leute angerufen, von denen ich mir sachkundige Auskunft erhofft habe:
Als erstes einen Fachmann bei der DLRG:
Der Rat war eindeutig, auf keinen Fall im Wasser schwimmen, unbedingt an Land gehen. Verlassen Sie das Boot und gehen in den Wald bzw. noch besser von dort mit dem Fahrrad nach hause.
Abgesehen davon, dass ja nicht überall im Wald Fahrräder zum Ausleihen herumstehen, hielt ich entgegen, dass ich daran Zweifel hätte und dass ich es z.B. gar nicht gut fände, wenn er im Namen der ehrwürdigen Gesellschaft mit seinem Rat, mit dem Fahrrad den Wald zu verlassen, möglicherweise die Leute mehr in Gefahr brächte, als wenn sie im Wasser schwimmen gelassen würden; er versprach mir, weiter zu recherchieren und mich auf dem Laufenden zu halten, einige Zeit später rief er an und wies mich auf eine tags zuvor gelaufene Fernsehsendung hin:
Dr. Hirschhausen hatte sich in der Sendung „w wie wissen“ mit dem Problem auseinandergesetzt: Auf der internet-Seite dazu finden sich einige interessante Details. Zusammenfassend der Rat für Schwimmer: eine Gefahr wird dann gesehen, wenn man auf den Einschlagpunkt des Blitzes zuschwimmt, nicht jedoch, wenn man sozusagen auf einer Kreisbahn um den Blitzeinschlag herumschwimmt.
Das hatte für meinen Geschmack gewisse Ähnlichkeiten mit den Ratschlägen für den Umgang mit Haien, dass nämlich solange keine Gefahr besteht, wie die Tiere im Kreise herumschwimmen und erst dann, wenn sie nervös werden und auf einen zukommen, die Sache brenzlig wird.
Natürlich wissen wir alle, dass Wasser gefährlich ist und Wasser mit Elektrizität besonders. Beispielsweise soll man nicht in der Badewanne telefonieren außer mit dem handy. Und mit einem Fön in der Badewanne kann man sich durchaus umbringen.
Aber die Frage ist doch: schlägt der Blitz überhaupt ein ins Wasser und wenn er einschlägt, was passiert dann mit einem Schwimmer ebenda. Ist der gefährdet, wenn der Blitz in einigem Abstand einschlägt oder nur, wenn er direkt in den Schwimmer einschlägt.
Für mich als Arzt wäre es noch interessant zu wissen, wenn ein Schwimmer im Wasser zu Schaden käme, was ihm dort passiert, im schlimmsten Fall, woran er denn sterben würde? Herzstillstand, Muskelkrampf, vor Schreck, Hirnschlag oder was ?
Ich habe dort einen Dozenten für experimentelle Physik angerufen und ihm mein Problem geschildert mit der Frage, wie er dazusteht ob ein Blitz ins Wasser einschlagen könne, ob Wasser elektrisch dasselbe wie Erde sei und wie sich die Potentiallinien im Wasser nach einem Blitzeinschlag verhalten würden.
Zunächst wollte der Mann wissen, ob dies der Anruf eines Spaßradios sei, hatte wahrscheinlich ein bisschen Sorge wegen dieser in Berlin ziemlich weit verbreiteten Mode. Aber dann musste er gestehen, dass er das Problem auch nicht lösen könne, es fehlten ihm die notwendigen Fakten dazu.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich für mich eine Hypothese entwickelt, ein wenig naiv vielleicht, dass der Blitz im Wasser quasi verschluckt wird. Wasser ist ein so guter Leiter, dass größere Spannungen schnell ausgeglichen werden. Das bedeutet, falls es überhaupt möglich ist, dass ein Blitz ins Wasser schlägt, dass dann zwar an der Einschlagstelle kurzfristig eine hohe Spannung auftritt, aber bereits in allernächster Nähe davon nichts mehr zu spüren ist. Man müsste also, wenn man überhaupt was spüren wollte, im Wasser direkt vom Blitz getroffen werden.
Die kritische Frage ist, wie weit entfernt vom Einschlagspunkt ist es noch gefährlich; gefährlich würde ich jetzt mal sagen, wenn zwischen den Fingerkuppen und den Zehenspitzen noch eine Spannung von 1000 Volt anläge. Die medizinische Gefahr müsste dann aber erst noch definiert werden. Denn wir gehen ja davon aus, dass diese 1000 Volt sich durch den Körper hindurch ausgleichen, dass also ein Strom durchs Herz fließt, welcher dieses dann zum Stillstand bringt. Bei einem im Wasser schwimmenden Körper ist das aber alles ziemlich anders. Beispielsweise werden die üblicherweise an der Haut auftretenden Hitzeschäden hier minimiert sein, weil die Energie über das verdampfende Wasser abgeführt wird. Und es ist überhaupt nicht klar, ob noch ein ausreichend großer Strom durch den Körper flösse, wenn er viel leichter außen herum fließen könnte.
Das würde dann bedeuten, dass man wahrscheinlich schon wenige Meter (unter 10m) von der Einschlagstelle entfernt außer Gefahr wäre.
Bliebe nur das Problem, ob der aus dem Wasser ragende Kopf die Blitze vielleicht geradezu besonders anzieht. Gerätschaften in der Physik, mit denen man Funken einfangen kann, haben immer ein gewisse Ähnlichkeiten mit Nadelspitzen, man nennt das Phänomen auch Spitzen-Effekt. Blitzableiter sehen auch so aus: lang, dünn und oben Spitz. Ein klatschnasser Kopf eines Schwimmers hat damit irgendwie nicht viel Ähnlichkeit.
Zu allem Überfluß erzählte mir ein Architekt, der die Blitzsicherheit für ein Atomkraftwerk geplant hat, dass sie alle paar Meter – viel enger als bei jedem anderen Bauwerk – solche Blitzableiter-Spitzen angebracht hätten, aber wie es der Teufel so wollte, habe doch ein Blitz ins Dach eingeschlagen und nicht in die unmittelbar daneben stehende Ableiterspitze (ohne großen Schaden anzurichten). Soll heißen auch wegen dieses Spitzeneffekts muss man sich im Wasser nicht unbedingt einen Kopf machen: wenn er einschlägt, schlägt er irgendwo ein und es gibt keinen Grund, warum er sich ausgerechnet den Kopf des einzigen Schwimmers auf dem See aussuchen sollte.
Nach meiner unmaßgeblichen Meinung gibt es keinen qualitativen Unterschied zwischen Süß- und Salzwasser. Auch im Süßwasser ist Salz, nur ein bisschen weniger. Immerhin ist die elektrische Leitfähigkeit um den Faktor 100 unterschiedlich: 5 Siemens/m im Salzwasser und ca. 0.05 S/m im Leitungswasser
Wenn das Gewitter genau über dem Schwimmer steht, also zwischen Blitz und Donner weniger als eine Sekunde Abstand besteht, dann heißt das, vorausgesetzt der Blitz geht tatsächlich zur Erdoberfläche (das sind ca. 10% aller Blitze), dass er dort eine Fläche von r² x p also ca. 300000 m² treffen könnte. Wenn es uns lieb wäre, wenn die Einschlagstelle, mehr als 10 m weit weg wäre, dann sollte er also ein kreisrundes Plätzchen von 314 m² verschonen, das wäre ein tausendstel der möglichen Trefferfläche, wenn sogar nur 5 m Abstand als Sicherheit reichen würden, würde die Wahrscheinlichkeit auf 1 zu 4000 absinken, das ist zwar nicht gleich Null, aber sehr wahrscheinlich ist es auch nicht, aber immerhin ein Lottogewinn ist doch noch sehr viel unwahrscheinlicher. Allerdings muss doch dabei bedacht werden, dass der Kopf des Schwimmers eine Singularität darstellt, die die Verteilungswahrscheinlichkeit beeinflussen könnte.
Ich möchte einfach noch mal darauf hinweisen, dass ich diese ganze Theorie weiter oben schon als wahrscheinlich ziemlich naiv qualifiziert habe. Ich würde mich ja gerne eines besseren belehren lassen.
Dort verband man mich mit dem diensthabenden Meteorologen, der sei Spezialist für Unwetter, konnte mir aber auch nicht weiterhelfen, außer dass er die Zweifel bestätigte, ob ein Blitz im Wasser einschlagen würde, das auch nur eher gefühlsmäßig.
Dort sprach ich mit dem Institutsdirektor, der von der Stimme her nicht sehr sächsisch klang, und zugab, seine Segelerfahrungen am Starnberger See in Bayern gemacht zu haben. Er fand die Frage interessant, meinte, dazu müsse es doch im Internet was geben. Als ich antwortete, dass ich dort schon ziemlich viel gesucht habe, meinte er, es gäbe eben Fragen, die bisher tatsächlich noch niemand gestellt habe, was mich ein bisschen stolz machte.
Sah für mich so aus, als ob ich eher empirisch vorzugehen hätte. Ich habe Fischzuchtbetriebe in der Berliner Umgebung angerufen, gefragt, ob sie nach einem Gewitter Verluste zu verzeichnen hätten, hatten sie nicht. Nun gut, der Mensch ist auch kein Fisch, er schwimmt nicht unter Wasser, sondern streckt meist den Kopf heraus, das könnte einen Unterschied machen.
In einem online-Artikel aus der Zeitung „Die Zeit“ Rubrik „Fragen, die das Leben stellt“ oder so ähnlich hatte ein Redakteur sich mit der Frage seiner Tochter auseinanderzusetzen, ob denn Enten im Gewitter gefährdet seien, weil sie im Gegensatz zu den Fischen ihren kleinen Kopf schließlich auch aus dem Wasser strecken. Das wurde in diesem Artikel tatsächlich als gefährlich angesehen und brachte mich auf den Gedanken, z.B. nachzufragen, ob bei den handverlesenen Schwänen auf der Hamburger Alster Unfälle registriert worden seien.
ich habe dann aber nicht in Hamburg angerufen, sondern im Berliner Zoo einen leitenden Herrn, was sie denn dort mit den wertvollen Tieren während eines Gewitters machen. Der war ziemlich amüsiert und fragte zurück, wie sie denn meiner Meinung nach ihre Tiere von Flamingos bis Flusspferden aus dem Wasser herausbringen sollen. Nun gut, wahrscheinlich sagt der Instinkt diesen Tieren, dass wir eigentlich alle aus dem Wasser kommen und Wasser unser eigentliches zu Hause ist. Eisbären wissen nichts übers Gewitter, weil es in der Arktis keine Gewitter gibt und über Gewitter kann eine Spezies keine Erfahrungen weiter geben, weil die, die es erfahren haben, tot sind.
Aber mein Fachmann war der Meinung, die Tiere würden erstens beim Gewitter nicht nervös im Wasser und zweitens habe er auch von Kollegen international nichts über Verluste von wertvollen Tieren gehört.
Und immerhin, im Berliner Zoo gibt es als zusätzliches Risiko nicht nur die Wassertümpel sondern auch noch einen prächtigen Baumbestand.
viele Fragen, unbefriedigende Antworten. Mir scheint, dass die Angst im Gewitter auf der Jolle (in unseren Gewässern) eher unbegründet ist, wahrscheinlich eher auf den Donner zurückzuführen ist als auf den Blitz.
Allerdings waren wir paar Wochen später wieder am See und es gab wieder diese dunklen Wolken, diesmal eher von Südwesten, und dann bin ich fast noch ein wenig schneller wieder in den Hafen eingelaufen und habe meine doch sehr beruhigenden Erkenntnisse nicht dem Experiment der Wirklichkeit ausgesetzt.
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